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#Nach dem Abi

Psychologiestudium: Karriere auf und abseits der Couch

Karriere auf und abseits der Couch

Psychologiestudium: Karriere auf und abseits der Couch

Amke Kannegieter

Jemandem auf der „berühmten Couch“ gegenübersitzen und ihn irgendwie therapieren: Bei vielen ist das die erste Assoziation, wenn sie an psychologische Berufe denken. Dabei eröffnet das Psychologiestudium Absolventen eine breite Palette möglicher Karrierewege – auch abseits der Couch. Welche Perspektiven es generell gibt, möchte ich in diesem Beitrag aufzeigen. Und da es nach wie vor der „Klassiker“ ist, beginne ich mit dem Berufsfeld der Psychotherapie.

  • Psychotherapie: Bei dem Psychotherapeuten stehen die Diagnose und die therapeutische Behandlung psychischer Störungen und Krankheiten im Mittelpunkt – ganz, wie man sich das vorstellt also. Auch hier gibt es jedoch Unterscheidungs- und Auswahlmöglichkeiten: So können Psychotherapeuten zum Beispiel in privaten Praxen, in öffentlichen Einrichtungen, in Kliniken oder Beratungsstellen arbeiten. Außerdem lässt sich zwischen verschiedenen Bereichen differenzieren: So kann man sich zum Beispiel auf die Therapie von Suchtkrankheiten, Depressionen oder Partnerschaftskonflikten spezialisieren. Alternativ besteht die Möglichkeit, die Zusatzausbildung zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten zu absolvieren, um speziell junge Menschen therapeutisch zu begleiten und zu unterstützen.

Was vielen Studienanfängern oder -interessierten nicht bewusst ist: Ein Bachelor und -Masterstudium der Psychologie reichen noch nicht aus, um den Beruf des Psychotherapeuten auszuüben. Dafür ist eine anschließende 3-5-jährige Therapieausbildung erforderlich, die kostenpflichtig ist und in Voll- oder Teilzeit absolviert werden kann. Das heißt, man arbeitet in dieser Zeit zwar schon als Therapeut, besucht nach der Arbeit oder an Wochenenden aber zusätzlich entsprechende Seminare.

  • Klinische Psychologie: Mit einem Master der klinischen Psychologie ohne zusätzliche Therapeutenausbildung besteht ebenfalls die Möglichkeit, psychische Störungen zu diagnostizieren und zu behandeln: zum Beispiel in Kliniken, in der klinischen Forschung, in Gesundheitsämtern oder Beratungsstellen. Grundsätzlich können klinische Psychologen auch in therapeutischen Einrichtungen ähnliche Stellen ausüben wie Psychotherapeuten. Ihre Perspektiven sind hier jedoch deutlich schlechter, da Absolventen mit Zusatzausbildung weitaus stärker nachgefragt werden. Ebenso besteht für klinische Psychologen die Möglichkeit, sich selbstständig zu machen - zum Beispiel als Berater, Trainer oder Coach - im Unterschied zum Psychotherapeuten dürfen sie in der eigenen Praxis jedoch keine Psychotherapie anbieten.

Was häufig verwechselt wird: Psychiater wird man nicht mit einem Psychologie-, sondern mit einem Medizinstudium. Zudem gehören eine psychiatrische und psychotherapeutische Facharztausbildung zu den Voraussetzungen, um diesen Beruf auszuüben. Im Unterschied zum Psychotherapeuten befasst sich der Psychiater mit psychischen Erkrankungen aus medizinischer Sicht: das heißt, es steht mehr der menschliche Körper und seine Erkrankungen im Vordergrund als das menschliche Erleben und Verhalten. Der Psychiater diagnostiziert Krankheiten und behandelt sie auch – anders als ein Psychotherapeut ist er dabei befugt, Medikamente zu verschreiben.

  • Arbeits- und Organisationspsychologie: Arbeits- und Organisationspsychologen arbeiten vor allem in Wirtschaftsunternehmen oder Unternehmensberatungen. Dort sind sie meist in Personalabteilungen tätig und zum Beispiel für die Personalauswahl, die Einführung von Management- und Führungsinstrumenten oder die Organisation von Schulungen zuständig. Sie stellen die Passung der Mitarbeiter zum Unternehmen sicher und schaffen eine Atmosphäre, welche die Effizienz des Unternehmens und die Zufriedenheit der Mitarbeiter fördert. Auch mein eigener Beruf als Karriereberaterin zählt übrigens zu diesem Bereich – die Möglichkeiten sind hier also sehr vielfältig.
  • Markt- und Meinungsforschung: Im Psychologiestudium setzt man sich intensiv mit empirischer Forschung, also mit Untersuchungen anhand von systematisch gesammelten Daten, auseinander: Man lernt, wie man Fragen richtig und strategisch stellt, wie man Daten erhebt und auswertet. Ein beliebtes Feld für Absolventen ist daher die Markt- und Meinungsforschung. Hier werden Einstellungen, Gewohnheiten und Verhaltensweisen von Menschen – zum Beispiel ihr Konsumverhalten und das Vorgehen bei Kaufentscheidungen – erforscht. Wer Spaß am Umgang mit Zahlen, an Statistiken und deren Auswertung hat, ist hier gut aufgehoben.
  • Marketing, Kommunikation und Medien: Viele Theorien, die in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Medien angewandt werden, stammen aus der Psychologie. Daher sind Absolventen auch überall dort gefragt, wo es darum geht, die Wirkung von Medien und Informationen auf den Menschen zu verstehen und Marketing- oder Kommunikationsmittel entsprechend zu gestalten.  Dies ist vor allem für kreative Köpfe ein spannendes und weites Feld!
  • Forschung und Lehre: Eine weitere Möglichkeit für Psychologie-Absolventen ist eine Karriere in der Wissenschaft. Diese beginnt in der Regel mit einer Promotion – geforscht werden kann dann an Hochschulen, Forschungseinrichtungen oder in der freien Wirtschaft. An Hochschulen gehören neben der Forschung meist auch Lehrtätigkeiten zum wissenschaftlichen Arbeiten dazu. Ein mögliches nächstes Ziel nach der Promotion ist zum Beispiel eine Professur: Wer mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet, geforscht und anerkannte Arbeiten veröffentlicht hat, kann in diesen Rang erhoben werden.
  • Forensische Psychologie und Rechtspsychologie: Beschäftigte in diesem Bereich entwickeln zum Beispiel Täterprofile und betreuen Polizisten nach schwierigen Einsätzen. Als Rechtspsychologe erstellt man außerdem Gutachten bei Gerichtsprozessen, betreut Zeugen und Prozessteilnehmer. In Justizvollzuganstalten können auch Aufgaben in den Bereichen Diagnostik – also der Ermittlung von Krankheitsbildern – und entsprechender Therapie übernommen werden.
  • Pädagogische Psychologie: In diesem Bereich geht es um Bildung und Erziehung: So zählt beispielsweise die Entwicklung und Einführung neuer Unterrichtskonzepte zu den typischen Aufgaben eines pädagogischen Psychologen. Schulpsychologen erstellen außerdem Gutachten zur Schullaufbahnberatung und führen Seminare und Schulungen für Lehrer durch. Auch Beratungsstellen, Kinder- und Jugendheime sowie andere soziale Einrichtungen beschäftigen pädagogische Psychologen, die dort ihre Hilfe anbieten. Ebenso können im Bereich Erwachsenenbildung beratende Aufgaben übernommen werden.
  • Verkehrspsychologie: Ja, das gibt es wirklich! Die Verkehrspsychologie ist ein gutes Beispiel dafür, wie groß das Feld der Psychologie tatsächlich ist. Verkehrspsychologen befassen sich mit der psychologischen Grundlagenforschung im Bereich des Verkehrsverhaltens und verwerten die Ergebnisse für die Beantwortung praktischer Fragestellungen. Dazu gehören zum Beispiel die Erforschung von Unfallursachen und die Mitarbeit bei der Planung von Straßenführungen.

Neben diesen großen Bereichen gibt es auch einige Nischen, in denen Psychologen gefragt sind:

  • In der Sportpsychologie geht es um das Zusammenspiel von Körper und (Sports)Geist. Sportpsychologen unterstützen Leistungssportler beispielsweise bei der Gestaltung ihres Trainingsplans, coachen sie aber auch hinsichtlich ihrer Motivation und mentalen Stärke.
  • Politische Psychologen beschäftigen sich mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, forschen zum Beispiel im Bereich der Friedens und Konfliktforschung oder in der Politikberatung.
  • Umwelt oder Ökopsychologen untersuchen die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt: zum Beispiel die Einflüsse der Umwelt auf den Menschen – und umgekehrt – und die Einstellung der Menschen zu Aspekten des Umweltschutzes. Eine wichtige Aufgabe besteht darin, das Umweltbewusstsein zu erhöhen und ein ökologisches Lebensumfeld zu gestalten.

Diese Auflistung gibt nur einen groben Überblick über die Tätigkeitsfelder, in denen Psychologie-Absolventen generell gefragt sind. Jeder dieser Bereiche bietet wiederum ein weites Spektrum möglicher Aufgaben. Also: Wer sich für ein Psychologiestudium entscheidet, hat noch keine Entscheidung in Stein gemeißelt, sondern kann sich im Laufe der nächsten Jahre langsam an eine Spezialisierung auf einen Beruf herantasten.

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