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Ängste und Hürden beim Berufseinstieg

Junge Frau steht am Anfang einer großen Brücke

Ängste und Hürden beim Berufseinstieg

Shirin Tanja Sobhani

Wer den Studienabschluss in der Tasche hat, kann sich grundsätzlich aus vielen Gründen freuen: endlich frei sein, feiern, sein eigenes Ding machen und Geld verdienen. Nie wieder die Schulbank drücken, keine Prüfungen mehr bestehen müssen. Doch manchmal machen sich nach einer kurzen Phase der Freude konträre Gefühle wie Unsicherheit und Überforderung breit. Was die Ursachen dafür sind und welche Wege es gibt, um die Hürden beim Berufseinstieg zu meistern, verrate ich in diesem Blog-Beitrag.

Zwischen Selbstbestimmung und hohen Erwartungen

Die heutigen Mittzwanziger bis -dreißiger haben im Unterschied zu ihrer Elterngeneration in der Regel die freie Wahl: Niemand schreibt ihnen vor, was sie werden sollen. Sie selbst dürfen entscheiden, alle Türen stehen ihnen offen. Die Freiheit auf der einen Seite bedeutet Druck auf der anderen. Druck, auch etwas aus dieser Chance zu machen. Druck, sich für „das Richtige“ zu entscheiden und „abzuliefern“. Doch wie trifft man die richtige Entscheidung? Controlling oder Einkauf, Konzern oder Start-up, In- oder Ausland? Das alles sind große Fragen, bei denen man meist auf sich allein gestellt und von der Menge der Möglichkeiten schlicht überfordert ist.

  • Mein Tipp: Lassen Sie sich von der Vielzahl an Optionen nicht verunsichern, sondern konzentrieren Sie sich zunächst nur auf sich selbst und Ihre eigenen Fähigkeiten. Reflektieren Sie schriftlich, welche Stärken und Entwicklungspotenziale Sie haben, welche Werte Ihr Handeln leiten und was Sie motiviert. Fragen Sie auch nahestehende Personen nach ihren Einschätzungen über Sie und gleichen Sie Ihre Notizen miteinander ab. Durch das Feedback vertrauter Personen kommen häufig sogenannte „blinde Flecken“ zum Vorschein: Das sind Eigenschaften und Talente, die Sie selbst nicht an sich wahrnehmen oder für selbstverständlich halten, obwohl darin große berufliche Stärken ruhen. Anhand Ihrer gemeinsamen Analyse können Sie dann eine fundierte Entscheidung treffen, welcher Beruf für Sie der richtige ist.

Zwischen finanziellen Verpflichtungen, Konkurrenz- und Bewerbungsdruck

Nach dem Studium fühlen sich viele Absolventen unter Druck gesetzt: Nachdem der Förderungszeitraum für das BAföG beendet ist und auch die Eltern erwarten, dass man nun auf eigenen Beinen steht, warten schließlich eine Reihe neuer finanzieller Verpflichtungen auf sie. Hinzu kommt der Konkurrenzdruck, wenn Freunde und Kommilitonen bereits untergekommen sind – und nicht zuletzt der eigene Drang nach einem mustergültigen und lückenlosen Lebenslauf. Viele bewerben sich daher bereits während des Studiums für verschiedene Jobs. Wenn es dann in den ersten Monaten nur Absagen hagelt, ist Enttäuschung vorprogrammiert.

Meine Tipps:

  • Soziale Netzwerke wie Instagram laden heute praktisch dazu ein, ein bestimmtes Bild von sich zu erzeugen und sein eigenes Leben so positiv wie möglich zu inszenieren. Kaum jemand gibt Einblicke in die Momente, in denen einmal etwas schlecht läuft. Das Resultat ist ein verzerrtes Bild der Realität und ein Maßstab für das eigene Leben, der kaum erfüllt werden kann. Daher gilt auch hier wieder: Richten Sie den Blick nur auf sich selbst und Ihre eigenen Potenziale. Wenn Sie Ihrer eigenen Stimme genügend Wert beimessen, können Sie kraftvoll und mutig Ihre eigenen Entscheidungen treffen und es auch aushalten, wenn andere Ihnen einmal einen Schritt voraus sind.
  • Was die finanziellen Verpflichtungen betrifft: Überlegen Sie sich am besten schon während Ihres Studiums, wie viel Geld Sie monatlich zum Leben benötigen. Führen Sie mindestens einen Monat lang Buch über Ihre Ausgaben, um eine realistische Einschätzung treffen zu können. Dann können Sie einen Plan erstellen, wie Sie sich auch im Fall einer längeren Jobsuche finanziell absichern können: etwa durch einen Nebenjob oder das rechtzeitige Beantragen von Arbeitslosengeld. Damit vermeiden Sie nicht nur Stress durch plötzliche, unvorhergesehene Kosten, sondern auch das ständige Gefühl von Ungewissheit, wie viel Geld Sie tatsächlich benötigen und wie viel Sie zur Verfügung haben.  
  • Last but not least: Betreiben Sie realistisches Erwartungsmanagement. Verlieren Sie nicht gleich den Mut, wenn Sie die ersten Absagen auf Ihre Bewerbungen erhalten haben. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf neue Möglichkeiten, widmen Sie sich weiterhin mit Engagement Ihren Bewerbungen und betreiben Sie nebenbei Networking: Besuchen Sie beispielsweise Veranstaltungen und Messen, um potenziellen Arbeitgebern Ihr Interesse zu signalisieren und Kontakte zu knüpfen. Wenn Sie bei einer Bewerbung angeben können, dass Sie bereits mit Mitarbeitern des Unternehmens in Kontakt standen, ist das ein großer Pluspunkt.

Zwischen beruflicher Erfüllung und privatem Glück

Viele Berufseinsteiger sehen sich heute im Spannungsfeld zwischen Sinn und Sicherheit, Glück und Gehalt. Arbeit bedeutet nicht einfach nur Broterwerb, sondern Identifikation. Große Erwartungen, die oft auch großes Konfliktpotenzial bergen. Sinnstiftend zu sein, stellt schließlich eine hohe Anforderung an einen Job dar, die weit darüber hinausgeht, einfach nur Gehalt einzubringen. Wer nur gelangweilt seine Stunden absitzt und keine Bedeutung in dem sieht, was er tut, stellt sich meist nach wenigen Wochen die Frage, ob er sich für den richtigen Job entschieden hat. Aber auch das Gegenteil kann zum Problem werden: Sinnstiftende Arbeit nimmt meist auch mehr Raum ein – Raum, der eigentlich für Familie, Freunde und sich selbst vorbehalten war. Wer so in seiner Arbeit aufgeht, dass er abends freiwillig Fachartikel wälzt, gerät leicht in einen zeitlichen Konflikt, der sich auf die Harmonie im Privatleben auswirken kann.

  • Mein Tipp: Hinterfragen Sie, was Ihnen im Leben und im Job wirklich wichtig ist. Wie möchten Sie Ihre Ressourcen auf Privat- und Berufsleben aufteilen? Bei welchen Tätigkeiten gehen Sie auf? Was motiviert Sie? Eine Standortanalyse hilft, die eigene Krise besser zu verstehen und gezielt Strategien zu entwickeln, um mehr Zufriedenheit zu erlangen. Stellen Sie beispielsweise fest, dass Ihnen Zeit mit der Familie wichtiger ist als die Karriere, sollten Sie überdenken, wie Sie Ihren Beruf so gestalten können, dass Sie geregelte Arbeitszeiten einhalten können. Wenn Sie ein tiefes Bedürfnis verspüren, etwas Sinnvolles zu tun, fragen Sie sich: Welche Tätigkeiten sind für Sie sinnstiftend? Und wie könnten Sie Ihre Stärken und Fähigkeiten in diesen Bereichen am besten einsetzen?

Zwischen Einstellungswandel und starren Strukturen

Auch die Einstellung zur Arbeit hat sich bei vielen Berufsanfängern stark gewandelt: Keinen Dienst nach Vorschrift, sondern Arbeit aus Überzeugung wollen sie leisten. Nicht der Letzte im Büro sein, sondern der Effizienteste. Doch diese Mentalität hat noch nicht in allen Branchen Einzug gehalten. Insbesondere in behördlichen Strukturen und hierarchischen Unternehmen mahlen die Mühlen mitunter langsam – so langsam, dass es junge Berufseinsteiger zermürbt.

  • Mein Tipp: Zufriedenheit im Job erfordert mehr als erfüllende Aufgaben. Auch das Arbeitsumfeld muss stimmen. Wenn Ihnen zum Beispiel viel Freiraum und flache Hierarchien besonders wichtig sind, bietet ein Start-up Ihnen vermutlich ein geeigneteres Umfeld als ein großer Konzern. Informieren Sie sich daher, bevor Sie einen Job annehmen, nicht nur über die Aufgaben, sondern auch über Strukturen und Arbeitsabläufe des Unternehmens. Hierfür sind Bewertungsportale wie Kununu oft aufschlussreich – oder Sie fragen im Rahmen Ihres Bewerbungsprozesses nach der Möglichkeit, einen Probetag zu absolvieren, um sich selbst ein besseres Bild zu machen.

Zwischen Anfangseuphorie und ersten Zweifeln

Wenn Sie bereits in Ihren ersten Job eingestiegen sind, sich nach einer kurzen Anfangsphase der Euphorie nun aber Zweifel, Unzufriedenheit und Frust breitmachen, muss das noch kein Grund sein, gleich alles hinzuwerfen und den Job zu wechseln.

  • Mein Tipp: Nehmen Sie sich stattdessen Zeit, um innezuhalten, durchzuatmen und nachzudenken. Es hilft, die einzelnen Konfliktfelder voneinander zu trennen: Fühlen Sie sich unwohl, weil Sie Ihr fachliches Wissen nicht einbringen können? Ist es ein persönliches Problem mit Kollegen oder Vorgesetzten? Fehlt Ihnen Anerkennung? Oder sind es die Strukturen, die Sie stören? Zu viele Überstunden? Zu viel Bürokratie, die Sie von dem abhält, was Sie eigentlich tun sollen und wollen? Nachdem Sie reflektiert haben, worin Ihre persönlichen Stressoren liegen, können Sie gezielt Lösungen erarbeiten. Dabei hilft Ihnen auch der Blog-Beitrag unserer Geschäftsführerin Ragnhild Struss: Stress im Job: Ursachen und Bewältigungsmöglichkeiten. Viel Spaß beim Lesen!
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