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#Karriere

"Fail harder!" Warum es sich lohnt, Fehler zu machen

Fehler machen und daraus lernen

"Fail harder!" Warum es sich lohnt, Fehler zu machen

Christine Mahrenholz

In unseren Beratungen führen wir viele Gespräche über vorangegangene Entscheidungen und Lebenssituationen. Dabei hören wir häufig verzweifelte, beschämte oder enttäuschte Worte über persönliche Misserfolge und vermeintliche Fehlentscheidungen. „Ich habe vor Jahren einen riesigen Fehler gemacht: Hätte ich damals angefangen, Jura zu studieren, würde ich jetzt nicht hier sitzen“ oder „Hätte ich das Vorstellungsgespräch nicht vermasselt, müsste ich heute nicht über Alternativen nachdenken“ oder „Würde ich mir zutrauen, mich selbstständig zu machen, wäre ich jetzt nicht so unglücklich.“ Warum aber sind wir so streng mit uns selbst? Und warum schaffen wir es meistens nicht, die positiven Seiten unserer Misserfolge und Fehler zu sehen? 

Wir beobachten, dass selbst kleine Entscheidungen zu großen Problemen werden können. Denn die Angst vor Fehlern wird zur Angst vor dem Handeln. Wie aber sollen wir freudvoll und erfolgreich Prüfungen, Vorstellungsgespräche, Meetings oder Präsentationen bestehen, wenn wir Angst vor Misserfolgen, Kritik und negativen Konsequenzen haben? Wir haben verlernt, Fehler zu akzeptieren und als etwas Konstruktives zu betrachten. Die Angst, etwas falsch zu machen und negatives Feedback zu bekommen, bremst unsere Eigeninitiative. Letztendlich führt das zu Leistungsdruck und Stress – bis zu dem Punkt, an dem wir gar nichts mehr entscheiden, sondern innerlich blockieren und bewegungslos werden.

Doch wozu sind Fehler also gut?

Fehler fördern die Kreativität

Fehler lassen uns kreativ werden und in Möglichkeiten denken. Wenn wir zum Beispiel in einem Vortrag oder in einer Präsentation merken, dass wir unser Publikum nicht erreichen, müssen wir kreativ werden, um weiterzukommen. Das Gleiche gilt für Vorstellungsgespräche und viele weitere Bereiche, in denen man eine bestimmte Zielgruppe ansprechen möchte. So ging es auch dem mehrfach Oscar-prämierten Regisseur Ang Lee, der erst mehr als einhundert Drehbücher schreiben musste, bevor er seinen ersten Erfolg feiern konnte. Jede Ablehnung sollte daher auch als Aufforderung an sich selbst begriffen werden, den Blick zu öffnen und in Möglichkeiten zu denken. Beschäftige ich mich mit relevanten Themen? Finde ich eine Sprache, die Menschen berührt? Verkaufe ich mich gut? Fehler werden so zur Kreativitätsquelle, die uns nach vorne blicken und Ideen entwickeln lassen.

Ohne Fehler kein Lernen

Die Organisation „Ingenieure ohne Grenzen“ fand einen alternativen Weg des Umgangs mit Fehlern und erfand den „Failure Report“: einen Bericht des Scheiterns. Darin ist von Fehlinvestments und nicht greifenden Maßnahmen der Entwicklungshilfe, bis hin zu Fehlkonstruktionen von Rohrnetzen zu lesen. Auch die international gefeierten „Fuckup Nights“ bieten eine Plattform, um aus Fehlern zu lernen. Der Erfolg der beiden Projekte zeigt, wie wichtig ein offener und ehrlicher Umgang mit Fehlern ist. Wir müssen über Fehler sprechen und uns mit unserem Chef, mit Kollegen oder Freunden – je nachdem, wer sich am besten dafür eignet – über sie austauschen. Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit führen dazu, dass wir lernen und neue Wege finden. Misserfolge können damit Innovationen fördern, Prozesse optimieren und letztlich zu gesteigerter Produktivität führen.

Fehler lassen uns wachsen

Fehler sind auch Grenzerfahrungen: Sie geben uns einen Hinweis darauf, ob wir auf dem richtigen Weg sind und wie wir uns weiterentwickeln können. Dabei hilft es, sich den eigenen Umgang mit Fehlern bewusst zu machen. Worin äußert sich Ihre Technik? Schweigen Sie Fehler manchmal tot? Ignorieren Sie sie oder versuchen Sie gelegentlich, sie anderen in die Schuhe zu schieben? Stellen Sie sich ahnungslos oder erfinden Sie Ausreden? Wenn Sie darauf eine Antwort haben, können Sie sich im nächsten Schritt fragen: Was sind die Motive für dieses Verhalten? Sind es Gefühle wie Enttäuschung, Angst, Scham, Wut oder auch Schuld, die einen konstruktiven Umgang mit Fehlern blockieren? Das Eingestehen von Fehlern und ein offener, ehrlicher Austausch darüber machen Sie menschlich und authentisch. Wenn Sie die Fehler-Fixierung vollständig überwinden, bringt Sie das sehr nah an Ihre echten Ideale und Leidenschaften. Überlegen Sie mal: Was würden Sie tun, wenn Sie keine Angst hätten? 

Vertrauen Sie sich und Ihren Fähigkeiten

Was, wenn man Fehler nicht mehr schönreden kann, sondern etwas wirklich schiefgeht? Was, wenn man das Studium abbrechen muss, das Vorstellungsgespräch gescheitert oder die Präsentation missglückt ist? Fest steht: Verstecken hilft nicht. Überlegen Sie ganz sachlich und objektiv, was Ihnen passiert ist. Lässt sich trotz allem etwas Positives aus der Situation ziehen? Hat der eine Fehler Sie beispielsweise vor einem noch größeren Fehler bewahrt? Was haben Sie trotz oder gerade wegen des Fehlers gelernt und wo hat er Sie hingeführt, beziehungsweise wo kann er Sie hinführen? Was werden Sie beim nächsten Mal anders und besser machen? Im Annehmen des Misserfolgs liegt der Beginn des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten. Daraus können wir uns erkennen, entfalten und weiterentwickeln. Am Ende werden Fehler uns besser machen. Vielleicht sogar glücklicher.

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