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Welcher Beruf passt zu mir?

Welcher Beruf passt zu mir?

Ragnhild Struss

Als Karriereberaterin ist das die häufigste Frage, die mir gestellt wird, und ihre Beantwortung gleichzeitig der Kern meiner Arbeit. Damit ein Beruf auch zur Berufung wird, zu einer rundum erfüllenden Aufgabe, die Sie täglich mit Freude ausüben, müssen Sie sich von den Erwartungen Ihres Umfelds, gesellschaftlichen Trends und Vergleichen mit anderen Menschen so weit wie möglich befreien. Stattdessen gilt es, den Fokus auf die eigene Persönlichkeit zu richten: Nur wenn ein Job im Einklang mit Ihren individuellen Potenzialen, Talenten und Charaktereigenschaften steht, kann er zu dauerhafter Zufriedenheit führen. Ich zeige Ihnen, wie Sie die Antwort auf die Frage finden, welcher Beruf wirklich zu Ihnen passt. Nehmen Sie sich in diesem Prozess Zeit für sich selbst und machen Sie eingehende Selbstreflektion zu seiner Basis.

Erster Teil: Persönlichkeitsanalyse

Um herauszufinden, welcher Beruf zu Ihnen passt, sollten Sie zunächst nach innen blicken, um die verschiedenen Facetten Ihrer Persönlichkeit ans Tageslicht zu bringen. Verwenden Sie dazu ein Notizbuch oder ein Word-Dokument und halten Sie Ihre Erkenntnisse schriftlich fest. Es hilft Ihnen später dabei, die einzelnen Aspekte zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Planen Sie ausreichend Zeit ein, um folgende sieben Fragen zu beantworten:

  • Welche Charaktereigenschaften zeichnen Sie aus?
    Sammeln Sie hier alle Adjektive, die Ihre Persönlichkeit beschreiben. Fragen Sie sich, was typisch für Sie ist, was anderen sofort an Ihnen auffällt und welche Eigenschaften Ihnen Ihr Umfeld nachsagt. Überlegen Sie auch, mit welcher Beschreibung Ihrer Person Sie sich in einem Interview vorstellen würden. Schreiben Sie hier nicht nur Eigenschaften auf, die im Berufsleben relevant sein könnten, sondern denken Sie auch an Ihr Verhalten im Alltag: Sind Sie ein Mensch, der viel Zeit für sich braucht und eher introvertiert ist, wird ein Job, der im Großraumbüro stattfindet, vorrangig Teamarbeit oder die ständige Interaktion mit anderen Menschen beinhaltet, eher nicht das Richtige für Sie sein.
  • Welche Stärken, Talente und Fähigkeiten haben Sie?
    Notieren Sie alles, was Sie besonders gut können und was Ihnen immer schon leichtgefallen ist. Erinnern Sie sich daran, welche Fächer Ihnen in der Schulzeit gelegen haben und wofür Sie in Ihrem Leben bereits Lob und Anerkennung erhalten haben. Denken Sie darüber nach, bei welchen Themen Ihr Umfeld Sie gerne um Rat bittet, und überlegen Sie, welche Aufgaben Sie im Alltag immer wieder übernehmen: Sind Sie unschlagbar, wenn es um die Organisation des nächsten Kurztrips geht, oder wendet man sich gerne an Sie, wenn eine Abschlussarbeit redigiert werden muss? Auch daraus lassen sich Begabungen ableiten, die Sie für die Wahl Ihres Berufs nutzen können.
  • Was motiviert Sie?
    Besonders motiviert sind Sie immer dann, wenn Sie die innere Frage, ob Sie Lust haben zu handeln, mit „ja“ beantworten. Machen Sie sich einmal klar, welche Umstände gegeben sein müssen, damit Sie sich mit Elan und Eifer an die Arbeit begeben. Motiviert Sie Wettbewerb zu Höchstleistungen oder lieben Sie es, wenn Aufgaben eine gewisse Herausforderung darstellen? Spüren Sie das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun und zum Allgemeinwohl beizutragen oder sind Sie besonders engagiert, wenn Sie unabhängig und autonom arbeiten können? Sind Sie von Natur aus wissbegierig und lieben es, immer mehr dazulernen zu können oder zielen Sie darauf ab, Lob und Anerkennung zu erhalten? Wenn in Ihrem Beruf Raum für das ist, was Sie motiviert, werden Sie auch in schwierigen Phasen viel leichter am Ball bleiben können, da Sie aus innerem Antrieb handeln.
     
  • Welche Werte leiten Ihr Handeln?
    Werte sind Eigenschaften, Qualitäten oder Zustände, die wir für erstrebenswert halten und nach denen wir – manchmal auch unbewusst – unser Verhalten ausrichten. Sie decken Ihre persönlichen Werte auf, indem Sie sich fragen, was Sie für gut und richtig halten: Sind Sie ein Mensch, der Effizienz über alles schätzt, oder überzeugt Sie das Konzept der Toleranz? Steht bei Ihnen Disziplin hoch im Kurs, geht Ihnen nichts über Freiheit oder ist Ihnen Gerechtigkeit besonders wichtig? Einige Werte finden sich auch in Glaubenssätzen wieder, die Sie oft im Hinterkopf haben: So deutet die Überzeugung „Alles wird gut“ zum Beispiel auf den Wert Optimismus hin, während „Better safe than sorry“ auf eine hohe Sicherheitsorientierung schließen lässt.
  • Welche Bedürfnisse haben Sie?
    Überlegen Sie, was Sie brauchen, um sich wohlzufühlen – am Arbeitsplatz, aber auch in Ihrem Privatleben. Blühen Sie auf, wenn Sie mit anderen Menschen zusammenarbeiten können? Dann sollte Ihr Traumberuf Sie nicht dazu zwingen, alleine aus dem stillen Kämmerlein heraus arbeiten zu müssen. Sind Sie ein strukturierter Mensch, der gerne einem genauen Plan folgt? Dann meiden Sie lieber chaotische Arbeitsumgebungen, in denen man morgens nicht weiß, was der Tag noch alles bringen wird. Streben Sie nach Individualität und Bedeutsamkeit, sollten Sie beruflich darauf achten, nicht in der Masse unterzugehen. Wenn Ihre grundlegendsten Bedürfnisse in einem Beruf nicht erfüllt werden können, werden Sie sich mit der Zeit unwohl fühlen, Energie verlieren und nicht Ihre Bestleistung abrufen können.
  • Welche Interessen sind bei Ihnen stark ausgeprägt?
    Interessen sind zwar immer auch eine Frage der Gelegenheit – kommt ein musikalisch begabter Mensch beispielsweise niemals mit Instrumenten in Berührung, wird er womöglich diese Neigung nie an sich entdecken. Aber dennoch können Ihre bevorzugten Hobbys und Freizeitbeschäftigungen Aufschluss darüber geben, was auch beruflich zu Ihnen passen könnte. Manche Themen lassen sich dabei direkt ins Berufliche übertragen: Wer immer schon gerne geschrieben hat, kann die Möglichkeit in Betracht ziehen, Journalist, Autor oder Werbetexter zu werden. Bei anderen Freizeitbeschäftigungen geht es mehr um den Kern: Sind Sie ein begeisterter Bastler, macht es Ihnen wahrscheinlich allgemein Spaß, kreativ zu arbeiten und einzelne Elemente zu etwas Neuem zusammenzufügen. Beziehen Sie hier auch Aktivitäten mit ein, die Ihnen früher Freude bereitet haben.
  • Was wollten Sie als Kind einmal werden?
    Erinnern Sie sich daran, wovon Sie in einem Alter geträumt haben, in dem strategische Berufsplanung noch kein Thema und in der Phantasie alles möglich war. Auch hier gilt: In manchen Fällen können Sie den kindlichen Berufswunsch wörtlich nehmen und in anderen zählt vielmehr der Grundgedanke dahinter. Wollten Sie als Kind Tierarzt oder Krankenschwester werden? Dann passen zu Ihnen vielleicht Berufe, in denen Sie andere versorgen, heilen oder unterstützen können. Träumten Sie hingegen davon, als Schauspieler oder Rockstar im Rampenlicht zu stehen, können Sie daraus ablesen, dass Sie gerne ein Publikum unterhalten und durch Applaus, Lob und Bestätigung aufblühen.

Zweiter Teil: Von der Persönlichkeit zum Beruf

Wenn Sie alle Fragen des ersten Teils beantwortet haben, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Ihres Traumberufs bereits getan. Jetzt gilt es, die einzelnen Puzzlestücke zusammenzusetzen und daraus abzuleiten, welche Berufsbilder für Ihre Persönlichkeit besonders geeignet wären. Halten Sie am besten auch die Ergebnisse der folgenden drei Schritte schriftlich fest:

  • Schritt 1: Freie Assoziation
    Lesen Sie Ihre Antworten aus dem ersten Teil noch einmal durch und notieren Sie alle Ideen, die Ihnen dabei in den Sinn kommen. Welche Berufe und Tätigkeiten passen zu Ihren Charaktereigenschaften, Stärken, Werten etc.? Lassen Sie Ihre Einfälle einfach sprudeln, ohne sich im Kopf bereits selbst zu zensieren. In diesem ersten Schritt geht es zunächst um eine möglichst umfassende Sammlung – der Realitäts-Check erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt. Wenn Sie möchten, können Sie auch Ihren Partner, einen Freund oder eine andere Person, die Sie gut kennt, in diesen Brainstorming-Prozess miteinbeziehen. Mit dem Blick von außen können nicht nur weitere Ihrer Potenziale zum Vorschein kommen, die Sie selbst vielleicht an sich noch gar nicht wahrgenommen haben. Gemeinsam kommen Sie zudem auf weitaus mehr Ideen, in welchen Berufen Sie brillieren würden.

    Möglicherweise fällt Ihnen bereits jetzt auf, warum Sie in Ihrem aktuellen Job unzufrieden sind: Wer zum Beispiel extraviert und unternehmungslustig ist, Abwechslung und Bewegung liebt und besonders gut improvisieren kann, wird auf einer Beamtenstelle wohl nie glücklich werden. Weitere Inspiration und Einblicke in verschiedene Berufsbilder finden Sie auf den folgenden beiden Websites: 40stunden.de und whatchado.com 
     
  • Schritt 2: Verdichtung zu konkreten Berufsbildern
    Sehen Sie sich alle Ideen und Berufe an, die Sie in Schritt 1 aufgeschrieben haben und lassen Sie Ihre Intuition erneut walten. Welche Berufe sprechen Sie am meisten an? Welche sind Ihre Favoriten, in welchen Rollen sehen Sie sich in Ihrer Vorstellung am liebsten? Haben Sie eine Auswahl getroffen, ist es wichtig, dass Sie sich möglichst umfassend über diese Berufe informieren, zum Beispiel durch Online-Recherche oder Fachliteratur. Ein sehr realistisches Bild vom beruflichen Alltag in Ihrem gewünschten Job erhalten Sie vor allem dann, wenn Sie sich mit Menschen austauschen, die bereits diese Tätigkeit ausüben: Hören Sie sich in Ihrem Bekanntenkreis und Ihrem beruflichen Netzwerk um, ob jemand von seinen Erfahrungen in einer bestimmten Branche erzählen kann.

    Wer mutig ist, kann auch Vertreter eines Berufes online recherchieren und per E-Mail anfragen, ob sie so freundlich wären, Ihnen einen kleinen Einblick in ihren typischen Arbeitsablauf zu gewähren. Bei diesem Vorgehen sind selbstverständlich Fingerspitzengefühl und Diskretion gefragt. Nutzen Sie in jedem Fall alle Ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, um herauszufinden, ob Ihre ausgewählten Berufsbilder wirklich dem entsprechen, was Sie sich darunter vorstellen.  
     
  • Schritt 3: Den Weg zum Traumberuf aufdecken
    Nach den letzten beiden Schritten liegt Ihnen nun eine Liste mit Berufen vor, die rundum zu Ihnen passen und die das Potenzial besitzen, zu Ihrer Berufung zu werden – gut gemacht! Als letzter Schritt in Ihrem Prozess gilt es jetzt herauszufinden, auf welchem Weg Sie es schaffen, in Ihrem Traumjob zu arbeiten. Dies hängt von mehreren Faktoren ab: Haben Sie gerade erst Ihren Schulabschluss in der Tasche oder schon eine Berufsausbildung oder ein Studium absolviert? Oder verfügen Sie bereits über Berufserfahrung, die Ihnen für Ihre neuen Pläne zugutekommen könnte? Recherchieren Sie, welche Zugangsvoraussetzungen üblicherweise in einem Berufsbild gefordert werden. Ja, manche Berufe können nur über ein Hochschulstudium erreicht werden und je nach Ihrem Alter, Ihren Lebensumständen und Ihren Prioritäten wollen Sie möglicherweise davon absehen, diesen Weg einzuschlagen.

    Bedenken Sie aber, dass es viele Möglichkeiten gibt, von Fernstudium über Abendunterricht bis hin zum Studienkredit. Wenn Sie etwas wirklich wollen, lohnt es sich, darin Zeit, Geld und Mühe zu investieren. Überlegen Sie auch, ob vielleicht eine gezielte Weiterbildung ausreicht, um Sie Ihrem gewünschten Beruf näherzubringen. Haben Sie ganz eigene Ideen und Vorstellungen davon, wie Sie am liebsten arbeiten würden, lohnt es sich, die Gründung eines eigenen Unternehmens in Betracht zu ziehen. Seien Sie mutig und denken Sie groß! Bestimmt finden Sie in Ihrem Umfeld ein bis zwei ausgewählte Personen, die Sie bedingungslos und mit konstruktiver Kritik bei Ihrem Vorhaben unterstützen. Zusätzlich profitieren Sie auch von einem Mentor, Coach oder Karriereberater, der Sie bei der Verwirklichung Ihres Traums sachkundig berät.

Die eigenen Grenzen überwinden

Wir alle haben eine Komfortzone, in der wir Tag für Tag leben und die uns sicher erscheint. Diesen geschützten, aber oft wenig aufregenden Bereich zu verlassen, macht vielen Menschen Angst und wird oft von Zweifeln begleitet: Kann ich das wirklich schaffen? Eigentlich kann ich ja zufrieden sein, warum sollte ich da meinen Beruf wechseln? Was, wenn ich scheitere? Was denken die anderen? Diese Fragen sind die häufigsten Verhinderer von Veränderung. Ich möchte Ihnen ans Herz legen, zumindest im inneren Prozess erst einmal mutig zu sein. Wer seine Gedanken, Träume und Visionen ausspricht, weitet seine Wahrnehmung. Neue Möglichkeiten scheinen sich im Anschluss wie „aus dem Nichts“ zu ergeben. Ich wünsche Ihnen, an sich zu glauben und Ihrer inneren Stimme zu vertrauen, die sagt: „Das will ich, das passt zu mir.“ Denn die größten Hindernisse auf dem Weg in Ihren Traumjob liegen oft nicht in den äußeren Bedingungen, sondern in Ihrem Mindset. Seien Sie es sich selbst wert: Finden Sie mutig Ihren persönlichen Weg und beschreiten Sie ihn stolz.

 

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